August

Kommentar von Heinrich Isecke
 
 
 
Das Gedicht „August“ wirkt auf mich wie eine Meditation über Sterben, Erinnerung und das
Weiterleben eines letzten Restes von Sinn oder Schönheit. Es arbeitet mit einer sehr stillen, fast
zerbrechlichen Bildsprache – und gerade dadurch entfaltet es große Intensität.
 
 
1. Die Biene als Bild des Lebens
 
Schon die ersten Zeilen setzen den Ton:
 
„Auf dem Balkon wieder eine Biene und
Tot auch sie – die vorletzte aus dem Hospiz“
 
Die Bienen erscheinen hier nicht einfach als Insekten, sondern als Wesen einer sterbenden
Gemeinschaft. Das Wort „Hospiz“ verschiebt sofort alles ins Menschliche: Die Bienen werden wie
Sterbende behandelt, Bewohner eines letzten Ortes vor dem Tod.
 
Dass es die „vorletzte“ ist, macht die Situation besonders schmerzhaft:
Es gibt noch genau eine.
 
 
2. Die Königin – letzter Rest von Ordnung
 
„Jetzt wohnt dort nur noch die Königin winzig
Vor Alter und wie ein Leuchteffekt“
 
Die Königin ist alt, klein geworden, fast entmaterialisiert.
Der Vergleich mit einem „Leuchteffekt“ und später mit „Phosphoreszenz“ ist wichtig:
 
Phosphoreszenz ist ein Nachleuchten, nachdem die eigentliche Energiequelle schon verschwunden
ist.
Das bedeutet:
Die Königin lebt noch – aber eher wie ein Nachglimmen des Lebens.
 
Sie ist kein kraftvolles Zentrum mehr, sondern ein Restlicht.
 
 
3. Die leere Honigschleuder
 
„Mitten in kontinuierlicher
Eigenschwingung der leeren Honigschleuder“
 
Das ist vielleicht das stärkste Bild des Gedichts.
 
Die Honigschleuder steht eigentlich für Produktion, Fülle, Süße, Leben.
Doch sie ist leer.
 
Und trotzdem schwingt sie weiter.
 
Das erinnert an:
 
• Erinnerung,
• Gewohnheit,
• Nachhallen eines vergangenen Lebens,
• vielleicht sogar an den menschlichen Körper oder die Seele nach Verlust.
 
Die Welt bewegt sich weiter, obwohl das Zentrum verschwunden ist.
 
 
4. Süße gegen den Tod
 
Dann kommt eine fast mythische Wendung:
 
„Es heißt wer da kostet der kann vor Süße
Nicht sterben“
 
Honig wird hier beinahe zu etwas Heiligem.
Die Süße steht für:
 
• Lebensessenz,
• Trost,
• Liebe,
• Ursprung,
• vielleicht Kunst oder Erinnerung selbst.
 
Aber man darf davon nur ganz wenig nehmen:
 
„er muss diesen Mund bloß
Ganz winzig“
 
Das „Ganz winzig genau wie sie“ verbindet den Sprecher mit der letzten Königin.
Der Mensch wird klein vor dem Geheimnis des Lebens.
 
 
5. Das Ende: Ursprung und Ewigkeit
 
„So will ich warten
Bis ich ein Mündchen
Für nur ein Tröpfchen
Vom Anfang der Welt“
 
Das Schlussbild ist wunderschön und traurig zugleich.
 
Der Honig wird hier zu etwas Ursprünglichem:
ein „Tröpfchen / Vom Anfang der Welt“.
 
Honig ist älter als Zivilisation, fast archaisch.
Der Sprecher wartet darauf, würdig oder klein genug zu werden, um davon kosten zu dürfen.
 
Das klingt:
 
• demütig,
• sehnsüchtig,
• fast religiös.
 
Nicht nach großem Heil,
sondern nach einem winzigen Tropfen Ursprung.
 
 
Zentrale Themen des Gedichts
 
• Vergänglichkeit
• Sterben und Nachleben
• Erinnerung als „Nachleuchten“
• Zerbrechlichkeit des Lebens
• Sehnsucht nach einem ursprünglichen Sinn
• Die Idee, dass etwas Kleines (eine Biene, ein Tropfen Honig) etwas Universelles enthält
 
 
Sprachlich auffällig
 
• freie Verse ohne Reim → ruhig, tastend
• viele weiche Klangfolgen („winzig“, „Tröpfchen“, „Mündchen“)
• Diminutive
• wissenschaftliche Wörter wie „Phosphoreszenz“ oder „Eigenschwingung“ treffen auf
poetische Bilder → das Gedicht verbindet Naturbeobachtung und metaphysische Erfahrung
Das Gedicht wird nie pathetisch. Es bleibt klein, leise und konkret – und genau dadurch öffnet es
einen sehr großen Raum über Leben und Tod.
 
 
 
Vergleich mit Bobrowski, Immer zu benennen
 
Bei Bobrowski heißt es am Ende von Immer zu benennen:
 
„Wär da ein Gott
und im Fleisch,
und könnte mich rufen, ich würd
umhergehn, ich würd
warten ein wenig.“
 
Dieses Warten ist bemerkenswert, weil es weder Zustimmung noch Ablehnung bedeutet. Das
lyrische Ich verweigert sich dem Ruf Gottes nicht, aber es eilt ihm auch nicht entgegen. Es bleibt in
einer Haltung der Offenheit, der Vorläufigkeit, vielleicht auch der Treue zur Welt. Bobrowski ersetzt die religiöse Gewissheit durch ein geduldiges Verharren.
 
Bei Minde lautet die Schlussbewegung:
 
„So will ich warten
Bis ich ein Mündchen
Für nur ein Tröpfchen
Vom Anfang der Welt“
 
Auch hier wird nichts ergriffen, nichts erzwungen. Der Sprecher wartet. Er macht sich klein
(„Mündchen“), um etwas empfangen zu können. Die Bewegung ist ebenfalls nicht aktivistisch oder
heroisch, sondern empfangend.
 
Interessant ist dabei der Unterschied:
 
• Bei Bobrowski richtet sich das Warten auf einen möglichen Ruf Gottes.
• Bei Minde richtet es sich auf ein „Tröpfchen / Vom Anfang der Welt“.
 
Das klingt fast wie eine Verschiebung von der Theologie zur Kosmologie oder Naturmetaphysik.
Der ersehnte Ursprung erscheint nicht als personaler Gott, sondern als Essenz der Schöpfung,
konzentriert im Honig. Der Honig wird zum Medium des Anfangs, zur gespeicherten Urzeit der
Welt.
 
Gerade deshalb erinnert Mindes Schluss an eine Art bobrowskische Haltung: Das Entscheidende
kann nicht gemacht werden; man kann sich nur darauf vorbereiten. Bei Bobrowski geschieht das
durch das „Benennen“ der Welt, bei Minde durch das geduldige Kleinwerden vor dem letzten Rest
von Leben, den die alte Bienenkönigin verkörpert.
 
Noch etwas fällt auf: Bobrowskis Schluss ist grammatisch von Konjunktiven geprägt („Wär“,
„könnte“, „würd“). Das Warten steht im Horizont einer Möglichkeit. Minde formuliert dagegen:
 
„So will ich warten“
 
Das ist entschiedener. Nicht hypothetisch, sondern ein Entschluss. Das lyrische Ich hat bereits
gewählt, wie es sich zur Vergänglichkeit verhält: nicht durch Zugriff, sondern durch Geduld.
 
Deshalb kann man wohl nicht von einer direkten Anspielung sprechen – dafür ist das Motiv des
Wartens zu allgemein. Aber angesichts von Mindes intensiver Beschäftigung mit Bobrowski sehe
ich eine deutliche Wahlverwandtschaft der Haltung: Beide Gedichte enden nicht mit Erkenntnis
oder Erlösung, sondern mit einer offenen, erwartenden Existenzform. Das Gedicht selbst wird zum
Warten auf etwas, das sich nicht erzwingen lässt.
 
 
Das Gedicht vor dem biologischen Hintergrund des
Bienenschicksals

 
Das Gedicht wird noch eindringlicher, wenn man den biologischen Hintergrund bedenkt.
 
Minde spielt wohl auf eine sehr reale Situation an, die Imker gelegentlich erleben können: den
Zusammenbruch eines Bienenvolkes am Ende einer Saison oder nach einer Krankheit.
 
Ein paar Details sprechen dafür:

Die „vorletzte aus dem Hospiz“

Im Spätsommer oder Herbst sterben viele Arbeiterinnen. Ein gesundes Volk überwintert zwar mit
mehreren tausend Bienen, aber ein geschädigtes Volk kann auf wenige Individuen
zusammenschrumpfen. Ursachen sind etwa:
 
• die Varroamilbe,
• Viruserkrankungen,
• Vergiftungen durch Pestizide,
• Nahrungsmangel,
• das sogenannte Colony Collapse Disorder (Völkerkollaps).
Die Formulierung „Hospiz“ vermenschlicht diesen letzten Abschnitt des Volksterbens.
 
„Jetzt wohnt dort nur noch die Königin“
 
Biologisch wäre das ein Extremzustand. Eine Königin kann allein kaum überleben. Sie ist
vollständig auf die Arbeiterinnen angewiesen:
 
• sie wird gefüttert,
• gepflegt,
• gewärmt.
Wenn tatsächlich nur noch die Königin übrig wäre, wäre ihr Tod praktisch vorprogrammiert.
 
Gerade deshalb wirkt die Zeile so tragisch. Die Königin ist zwar noch da, aber das Volk als sozialer
Organismus ist bereits gestorben.
 
Die „leere Honigschleuder“
 
Eine Honigschleuder gehört nicht zum Bienenstock, sondern zur Imkerei. Nachdem der Honig
geerntet wurde, steht sie leer.
 
Das ist biologisch interessant: Die Schleuder ist das Gerät, das die Früchte der Arbeit des Volkes
verarbeitet. Nun ist sie leer, während gleichzeitig das Volk verschwindet.
 
Dadurch entsteht eine starke Spannung zwischen:
 
• früherer Fülle (Honig),
• gegenwärtiger Leere (sterbendes Volk).
 
Die Königin als letzter Lebensfunke
 
Der Vergleich mit „Phosphoreszenz“ passt erstaunlich gut zur Biologie eines Bienenstaates.
 
Ein Bienenvolk wird von manchen Biologen und Imkern als „Superorganismus“ verstanden. Die
eigentliche Einheit ist nicht die einzelne Biene, sondern das gesamte Volk.
 
In diesem Sinn wäre die Königin tatsächlich nur noch das Nachleuchten eines bereits erloschenen
Organismus:
 
Der Körper (das Volk) ist tot, aber ein letzter leuchtender Rest existiert noch.
 
Der Honig als „Tröpfchen vom Anfang der Welt“
 
Auch hierfür gibt es einen biologischen Hintergrund.
 
Honig ist eine der ältesten Nahrungen der Menschheit. Archäologische Funde zeigen, dass
Menschen schon vor Jahrtausenden Honig sammelten. Zudem entsteht Honig aus dem
Zusammenwirken von:
 
• Blütenpflanzen,
• Insekten,
• Sonnenenergie.
In gewisser Weise ist Honig tatsächlich gespeicherte Sonnenenergie und das Ergebnis uralter
evolutionärer Beziehungen zwischen Pflanzen und Bestäubern.
 
Deshalb wirkt die Schlussmetapher biologisch erstaunlich stimmig:
Ein Tropfen Honig enthält gleichsam die Geschichte des Lebens, verdichtet in einer winzigen
Substanz.
 
Wenn man das Gedicht vor diesem Hintergrund liest, bekommt das Wort „Königin“ noch eine
zusätzliche Bedeutung. Die Königin ist biologisch gar keine Herrscherin; sie ist vor allem die
Mutter des Volkes. Das Gedicht könnte also nicht nur den Tod einer Bienenkolonie schildern,
sondern auch das Sterben einer letzten Mutterfigur, eines Ursprungszentrums. Das würde wiederum
sehr gut zum Schlussbild des „Anfangs der Welt“ passen. Die Bewegung des Gedichts führt dann
vom Ende eines Volkes zurück zu seinem Ursprung.
 
 
 
Zusammenfassung
 
Das Gedicht August nimmt seinen Ausgang von einer konkreten biologischen Situation: dem
Zusammenbruch eines Bienenvolkes, von dem zuletzt nur noch die altersschwache Königin übrig
bleibt. Doch die Naturbeobachtung wird unmittelbar in eine existentielle und metaphysische
Perspektive überführt. Die letzte Königin erscheint als bloßes „Nachleuchten“ eines bereits
erloschenen Organismus, als „Phosphoreszenz“ eines vergangenen Lebenszusammenhangs. Die
„leere Honigschleuder“ wird dabei zum Bild einer Welt, deren produktive Mitte verschwunden ist,
deren Schwingungen jedoch fortdauern. Dem Tod wird nicht Widerstand, sondern eine Haltung des
geduldigen Wartens entgegengesetzt. In dieser Schlussbewegung klingt möglicherweise die von
Johannes Bobrowski formulierte poetische Existenzhaltung an, die auf Gewissheiten verzichtet und
stattdessen im Modus des Wartens verharrt. Anders als bei Bobrowski richtet sich die Erwartung
jedoch nicht auf einen personalen Gott, sondern auf ein „Tröpfchen / Vom Anfang der Welt“: auf
eine im Honig bewahrte, elementare und vorsprachliche Erfahrung von Ursprung. Das Gedicht
entwirft damit die Vision, dass sich im Kleinsten – in einer sterbenden Bienenkönigin und in einem
Tropfen Honig – noch einmal die ganze Geschichte des Lebens und der Welt verdichten kann.
eine im Honig bewahrte, elementare und vorsprachliche Erfahrung von Ursprung. Das Gedicht
entwirft damit die Vision, dass sich im Kleinsten – in einer sterbenden Bienenkönigin und in einem
Tropfen Honig – noch einmal die ganze Geschichte des Lebens und der Welt verdichten kann.
 
Vielleicht könnte man die Grundbewegung des Gedichts sogar in einem einzigen Satz
zusammenfassen:
 
Vom Sterben eines Bienenvolkes führt das Gedicht über die Erfahrung des
Nachlebens und des Wartens zurück zur Sehnsucht nach dem Ursprung der Welt selbst.