Laubacher Straße

Überblickskommentar
 
Bei einem nächtlichen Spaziergang über die Laubacher Straße werden Assoziationen zu den anliegenden Gebäuden und Gewerben genutzt, um die sinnlichen Verwirrungen und Fehltritte der Wollust, eines Hauptlasters der Sündenlehre (Luxuria), anzuklagen. Den kontrastierend-mahnenden Hintergrund bilden – von Maria bis zum Paradies – die christlichen Referenzen. Die Verirrungen dieser Walpurgisnacht werden formal in den sich überlagernden Bildern, den Satzbrüchen und den verschobenen Attributen dargestellt.
 
 

LAUBACHER STRASSE

 
Mitternacht
komm Freund
denn Jungfrau

Maria
das sternhelle Himmelsgewand

Zerrissen und
Turmfensterdunkel
aus dem
Hybridische Grüßengel
die blasen

5Tornado dass die
Ruppinschülerträume
gelockert
Die grünen Nähte mit
Bäckerin Czerr

Die unverkauft reifen Wecken
Haltlos ein Wirbel in deinen Schoß
Und die
dich mitziehen sieh für Stunden
10Thailändische Prachtfalterschwärme
Zum Golf
wo die Sehnsucht zu Lotusufern
Wird sie und
epiphytischer Überschwemmung

Noch
Ritzinger
s
Autowracks
dieser Jubel
Des Blitzeinschlags Regenerationsgezüngel
15Aus Lacklöchern nach dir und Rostschrunden
Ein Lecken nach frischer Ölung bis früh
Der Turmhahn
Lustschrei zu Sturmglocken
Wenn er
herabfahrend
den Glanz

Stößt er den Sporn dass
goldener

20Schmerz
konvulsivisch in Spasmen

Schneewolkengüsse
Kastanienblüten gebreitet
Zum Bahrtuch
und du
auf dem Bauch wie die büßende
Altschlange
hinstirbst du zwischen den Zähnen ein
Staubkorn des Paradieses

 
 
Stellenkommentar:
 
Titel: Eine Berliner Straße auf der Grenze zwischen Wilmersdorf und Friedenau
 
v.1 Mitternacht: Mit dem Auftakt Mitternacht wird die Geisterstunde und der Wechsel von einem Tag zum anderen aufgerufen. Hier beginnt ein Spuk, der dem in Goethes Walpurgisnacht vergleichbar ist.
 
v.1 komm Freund: Im Zusammenhang mit der Walpurgisnacht erinnert diese Aufforderung an die Einladung Mephistos an Faust, sexuelle Ausschweifungen zu genießen, und Gretchen, die entehrte Jungfrau, zu vergessen.
 
v.1ff denn Jungfrau / Maria … / Zerrissen: Das denn liefert die Begründung für die im folgende geschilderte Orgie. Der Mantel (und damit der Mythos) der Jungfrau Maria wird hier nicht nur durch den Zeilensprung Zerrissen, sondern der Mythos fällt dem Rationalismus zum Opfer bzw. weicht dem Licht der Aufklärung.
 
v.2 das sternhelle Himmelsgewand: Traditionell trägt Maria als Himmelskönigin einen blauen Mantel, der mit Sternen bestickt ist. Hier wird der Blick des Lesers aber zum zerrissenen Himmel, in die Transzendenzlosigkeit, gerichtet.
 
v.3 Turmfensterdunkel: Auf der konkreten Ebene wird auf den Kirchturm der Kirche ‚Maria unter dem Kreuz‘ an der Laubacher Straße angespielt. Das Dunkel steht im Gegensatz zum ‚sternhellen Himmel‘. Es klingt auch eine für Maria übliche Metapher an: ihre Preisung als ‚elfenbeinerner Turm‘.
 
v.4: Suggeriert wird, dass Engel zum Beginn eines Festaktes bzw. eines Gottesdienstes von einem Turm herab Posaunen oder Trompeten blasen. Sie werden mit einem Neologismus als Hybridisch charakterisiert, weil sie hier zwittrige, zwielichtige Wesen sind: Sie stammen ursprünglich aus transzendenten Sphären, jetzt aber blasen sie zu sexueller Ausschweifung (statt zum Jüngsten Gericht Offb. 8). Sie erinnern an den Engel Gabriel (den ‚Grußengel‘ der Verkündigung). Profan denkt man auch an den ‚Grüßaugust‘, der z.B. vor einem Hotel/Bordell die Gäste empfängt.
 
v.4ff die blasen / Tornado … Haltlos ein Wirbel in deinen Schoß: Der Wirbelsturm Tornado symbolisiert eine sexuelle Erregung, die ein Gefühl der Haltlosigkeit und Verwüstung auslöst. Der Schoß (v.8) als Ort von Zeugung, Empfängnis und Geburt ist gemeinhin weiblich. Hier aber ist er der Ort des sexuellen Begehrens des männlichen Freundes (v.1).
 
v.5f Ruppinschülerträume gelockert / Die grünen Nähte: Die Ruppin Schule liegt an der Laubacher Straße, Ecke Offenbacher Straße. Die pubertierenden, noch grünen Schüler scheinen sexuelle Träume zu haben, die ihr moralisches Korsett ‚lockern‘ und die Nähte ihrer Hosen weiten.
 
v.6f Bäckerin Czerr / die unverkauft reifen Wecken: Die Bäckerei Czerr liegt an der Laubacher Straße, Ecke Südwestkorso. Sie bietet auch alte Brötchen vom Vortag an (unverkauft reife Wecken). Man könnte das unverkauft reife als Anspielung auf unschuldige, aber geschlechtsreife Schüler verstehen. Die Bäckerin erinnert an die alte Hexe Baubo in Goethes Walpurgisnacht. Die reifen Wecken ließen sich mit dem Schluss von Faust II erklären, in dem Mephisto seiner Lüsternheit erliegt: ‚Sie (i.e. die jungen Engel) wenden sich – Von hinten anzusehen! – Die Racker sind doch gar zu appetitlich!‘.
 
v.9f: An der Laubacher Straße gab es ein Thailändisches StundenHotel (ein Massage-Studio), in dem Prostituierte (Prachtfalter) ihre Dienste anboten.
 
v.11f: Sie (die Ruppinschülerträume) ziehen den Freund (v.1) mit in warme Gefilde (Golf), wo er in sein Begehren (Sehnsucht) versinkt und wie die Freunde des Odysseus bei den Lotophagen (Lotusufern) die Rückkehr ins normale Leben vergisst.
 
v.12 epiphytischer Überschwemmung: Epiphyten sind Pfanzen, die auf anderen aufsitzen. Hier ist das schmarotzende, von Sexualität ‚überschwemmte‘ Dasein gemeint.
 
v.13 Ritzingers: Ritzinger Kosmetik („Institut für Biologische Ganzheitskosmetik“) ist ein Schönheitssalon Laubacher Straße, Ecke Taunusstraße.
 
v.13ff: Hier überlagern sich zwei Bilder: Einerseits das von einem Blitzeinschlag zu einem wrack demolierte Auto mit Lacklöchern und Rostschrunden. Andererseits die Besucher des Schönheitssalons, die sich nach Regeneration und frische Ölung sehnen. Mit dem Attribut frische zu Ölung wird die Angst der Besucher vor der drohenden ‚letzten Ölung‘ bekämpft. Beide Bilder vereinen sich mit gezüngel, löcher und Lecken zur Beschreibung einer Orgie, die mit Jubel auf ihren Höhepunkt zusteuert.
 
v.17ff: Beschrieben wird der Orgasmus als lustvoller Höhepunkt einer sexuellen Vereinigung a tergo, zu dem die glocken Sturm läuten. Mit Turmhahn wird die Kirche an der Laubacher Straße wieder aufgenommen, der Hahnenschrei erinnert aber auch an den Verrat des Petrus.
 
v.18 herabfahrend: Der aktive sexuelle Partner (er i.e. der Turmhahn) wird durch die für die Bibel charakteristische Wendung herabfahren parodistisch in die Nähe des Heiligen Geistes gerückt (z.B. ‚und er sah den Geist Gottes gleich als eine Taube herabfahren‘ Matth. 3,16). Gleichzeitig wird an den Blitzeinschlag (v.14) angeknüpft.
 
v.18f: den Glanz / Stößt er den Sporn: Bild für das Eindringen beim Geschlechtsverkehr. Glanz ist gleichlautend mit ‚Glans‘, der Eichel des Penis. In der Sexualsprache kann Sporn auch für den Penis stehen.
 
v.19f goldener / Schmerz: Die paradoxe Zusammenfügung von golden und Schmerz verdeutlich eine singuläre Erfahrung der Steigerung von Lust (v.17) durch Schmerz. Der Sexualakt wird mit golden in die religiöse Sphäre gehoben.
 
v.20f konvulsivisch in Spasmen: Präzise Deskription des männlichen Orgasmus
 
v.21f Schneewolkengüsse Kastanienblüten gebreitet / Zum Bahrtuch: Die Laubacher Straße wird von Kastanienbäumen gesäumt. Im Frühjahr bilden die herabgefallenen Blüten einen schneeweißen Teppich gleich einem Bahrtuch. Traditioneller Weise war das Bahrtuch aus schwarzem Samt. Das hier gebrauchte komplexe Bild fügt Leben (Frühling, blüten, weiß) und Tod (Winter, Bahre schwarz, Schnee) zu einer paradoxen Einheit (coniunctio oppositorum) zusammen. Gleichzeitig kann man bei den weißen wolkengüssen auch an den Spermienerguss denken.
 
v.22f und du auf den Bauch … / … hin stirbst du: Die Stellung des passiven sexuellen Partners. Angespielt wird aber auch auf die Schlange des Paradieses.
 
v.22f wie die büßende / Altschlange: Gemeint ist die Verfluchung der Schlange im Paradies durch den HERRN (‚Weil du solches getan hast, seist du verflucht … Auf deinem Bauch sollst du gehen … [Maria] soll dir den Kopf zertreten.‘ Gen. 3,14f).
 
v.24 Staubkorn des Paradieses: Metapher für die verlorene (sexuelle) Unschuld (‚und wurden gewahr, dass sie nacket waren‘ Gen. 3,7). Wiederaufnahme der verlorenen Unschuld in Himmelsgewand / Zerissen (v.2f).