Comeniusholz

Überblickskommentar
 
Mit Blick auf das Seelenparadies im Comenius-Garten stellt das Gedicht die Frage, ob das Verhältnis von Leben und Tod noch von der traditionellen christlichen Botschaft (Sündenfall und Auferstehung des Herrn Jesus Christus) beantwortet werden kann oder ob an deren Stelle ein philosophische Auffassung der Natur treten kann.
 
 

COMENIUSHOLZ

 
Das Seelenparadies

Eine Laube aus Holz –
 
Hat also der Herr

Da in mir doch Leben ist

5
Den urverderblichen

Anderen abgeholzt?
 
Die Augen schließen

Flüstert das Teichgrün endlich
Kühl in der Mundart des Molchs
10Der den Grund kennt –
 
 
Stellenkommentar:
 
Bild: Abgebildet ist die Laube Seelenparadies im Comenius-Garten in Berlin-Neukölln. Im Vordergrund ist der dortige Teich, das Weltenmeer, zu sehen.
 
Titel: Der Titel nennt den Universalgelehrten COMENIUS. Die Verbindung mit HOLZ verweist einerseits auf die Laube im Garten, andererseits könnte es auch als Bild für jemanden verstanden werden der aus dem ‚Holz des Comenius‘ geschnitzt ist.
 
Titel: Das Seelenparadies ist ein konkreter Ort im Berliner Comenius-Garten: Eine Laube aus Holz. Gleichzeitig ist das Seelenparadies der Ort, zu dem nach christlichen Glauben die Menschen wie zum ‚Himmlischen Jerusalem‘ zurückkehren, nachdem sie erlöst worden sind. Die Laube aus Holz wird zum Sinnbild für den Menschen, aus Materie (Holz) und Geist (Seele) bestehend. In einer ironisch-skeptischen Lesart ist die Gleichsetzung von Seelenparadies und einer Laube aus totem Holz ein Symbol für die Transzendenzlosigkeit der Gegenwart. Der Gedankenstrich am Ende weist ins Offene; dieselbe Funktion haben das Fragezeichen am Ende der zweiten Versgruppe und der Gedankenstrich am Ende des Gedichtes.
 
v.3ff: Die Frage, mit der die zweite Versgruppe eröffnet wird, erinnert an die verführerische Stimme der Schlange im Paradies (Ja, sollte Gott gesagt haben …? 1. Buch Mose, 3,1). Das also knüpft zwar an die beiden vorhergehenden Verse an, die mit einem Gedankenstrich in das Offene enden, dann aber an eine biblische Wendung, die eine göttliche Botschaft ankündigt (‚Also sprach der Herr‘ 4. Buch Mose, 13,1). Der Herr ist traditionelle Bezeichnung für den alttestamentarischen Gott (HErr) und dann auch für Christus.
 
v.4: Das lyrische Ich stellt fest, dass in ihm doch noch eine Verbindung zur Transzendenz lebendig ist.
 
v.5f Den urverderblichen / Anderen abgeholzt?: Der Ausdruck der Andere(n) zusammen mit dem Verb abgeholzt weist darauf hin, dass einer der beiden Paradiesbäume gemeint ist, und zwar der, von dem das ‚Urverderben‘ ausgeht und der das Leben dem Tod unterwirft. Die Schlange, die sich um den Paradiesbaum windet, ist der Versucher, Satan, der ‚Urverderber‘. Nach traditioneller Lehre werden durch das Opfer, das Christus am Kreuz erleidet, die Menschen von der Ursünde erlöst. In einer transzendenzlosen Gegenwart ist dieses Narrativ aber in Frage gestellt. Satan, der ‚Urverderber‘, ist auch das traditionelle Symbol für das Böse. Die Frage könnte also auch die nach der Rechtfertigung (Grund) des Bösen in der Schöpfung sein.
 
v.7ff: Die in Kursiva gesetzte fiktive Aufforderung des Teichgrüns nimmt den uralten metaphorischen Topos Die Augen schließen für das Sterben, den Tod, auf. Dies wird durch das endlich im folgenden Vers unterstützt. Die kühle Mundart, in der der Molch spricht, symbolisiert die Stimme der Natur (Teichgrün), die dazu auffordert, Ruhe im Tod zu finden, zum Herkunfts-Grund zurückzukehren. Andererseits könnte mit dem Vers ein lyrisches Ich aufgefordert werden, die sinnliche, materiale Welt durch das `Augenschließen´ auszublenden und auf die Sprache der Natur zu hören, um sich dem geistigen, transzendenten Ursprung (μύω ) wieder zu nähern. Sieht man andererseits im Satan das Böse, lässt die Antwort des Teichgrüns die Frage nach dem Grund des Bösen mit dem abschließenden Gedankenstrich offen. Sie würde erst im Seelenparadies beantwortet werden können.
 
 
Form:
 
Reimschema: a/b//c/a/a/b//a/a/b/c