Überblickskommentar
Im Gedicht versinnbildlicht der Weg durch den COMENIUS-GARTEN den Lebensweg des Menschen bis zum Aufstieg seiner Seele ins Paradies. Die Zeitspanne, die ein Leben umfasst, wird in einen Tag zusammengedrängt und mit dem ‚Augenblick‘ parallelisiert.
AUGENTAG IM COMENIUS-GARTEN
Walnussbaumfruchtwasserrauschen
Dann Wiesenteppich der
Kinderspiele
Irrgarten Ichgefühl
Arzneigärtlein
Nachbarhaus5
Und schließlich
das SeelenparadiesLaube wo wunderbar frei die Sicht ist
Das Holz tot
Stellenkommentar:
Bild: Abgebildet ist das Seelenparadies, die Laube im COMENIUS-GARTEN und der Weg durch den Garten.
Titel: Der im Berliner Stadtteil Rixdorf liegende Garten ist nach dem Universalgelehrten Johann Amos Comenius (1592 – 1670) benannt. Comenius war Philosoph, Pädagoge und Theologe. Seine pädagogischen noch heute gültigen Prinzipien (Erziehung zur Eigenständigkeit, zum selbständigen Gebrauch der Vernunft, Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung von Jungen und Mädchen) verbinden das Mittelalter mit der Neuzeit. Die Zeitspanne, die ein einzelnes Leben umfasst, wird in einen Tag zusammengedrängt und mit dem ‚Augenblick‘ parallelisiert.
v.1: Am Eingang des COMENIUS-GARTENs steht am Beginn des dortigen, sogenannten ‚Lebenswegs‘ ein Walnussbaum. Die Walnuss spielt auf das männliche Genital an (vgl. die mittelalterliche Signaturenlehre, die Ähnlichkeiten in der Natur als Verwandtschaften interpretiert). Das Gedicht verknüpft den baum mit dem fruchtwasser, das auf das weibliche Medium und die vorgeburtlicher Existenz hinweist. Der Wortbestandteil rauschen kann sowohl auf den Baum als auch auf das Wasser bezogen werden, rauschen könnte als lebendige Bewegung zwischen beiden und als symbolischer Hinweis auf die Geburt eines Kindes gedeutet werden. Die ungewöhnliche Verschmelzung der Elemente zu einem einzigen Wort verbildlicht diesen Vorgang.
v.2: Nach der Anspielung auf die Entstehung eines Lebens (v.1) folgt auf dem Weg durch den COMENIUS-GARTEN die frühkindliche Entwicklungsstufe des Spielens im naturnahen Bereich (Wiesenteppich).
v.3: Danach führt der Weg weiter an einem Irrgarten vorbei, der mit den Wirren des Ichgefühls auf den Eintritt in die Pubertät hinweist.
v.4: Weiter werden wir geleitet vorbei am Arzneigärtlein, Anspielung auf Krankheit, Hinfälligkeit und Heilendes. Das angefügte Nachbarhaus steht nicht im GARTEN, im Gedicht verkörpert es möglicherweise das Mitgefühl und die Nächstenliebe.
v.5ff: Der ‚Lebensweg‘ endet schließlich (mit dem Tod ) in einer offenen Laube im GARTEN, dem Seelenparadies, einem Ort, zu dem – nach religiösen Vorstellungen – die Seelen der Gestorbenen aufsteigen. Dort, im paradies, ist der Blick ohne die irdischen Beschränkungen grenzenlos, frei von der Materie (Das Holz tot). Zu v.7 vgl. auch das im Gedichtband folgende Gedicht COMMENIUSHOLZ.
Form:
Reimschema: a/b//ba//ccx. Der fehlende Reim x, die sogenannte ‚Waise‘ , symbolisiert den Tod.
