Überblickskommentar
Grundgedanke: Die Liebe als Heilmittel für das Leid dieser Welt und als Weg in eine andere, bessere Welt.
Die erste Versgruppe (VG1) versetzt das lyrische Ich in die Pizzeria ‚Pino‘ an der Rheingaustraße, der kosovarische Wirt erzählt vom Kosovo-Krieg und der Rettung seiner Frau daraus (VG3). Dazwischen geschaltet ist die VG2, in der – veranlasst durch das Sonnenstrahlspiel auf den Bildern – über die Möglichkeit einer besseren, leidloseren Welt nachgedacht wird. Das Couplet (VG4) beschreibt einen möglichen Eintritt in eine andere Welt.
Für Jörg Machel
RHEINGAUSTRAßE
Pizza
und Pasta aber der WirtKosovo
hör ich und höre
Massaker-Kosovo
Folter-Kosovo Kosovo-Flucht
5
Sonnenstrahlspiel
auf den BildernUnd tatsächlich
die Welt diese ganze besser wohlWäre auch sie nur zweidimensional –
leidloser
Konturenzauber aus nichts als Licht
Doch
da ist sie10Die Frau die ihr Mann
Herausgeholt
hat mit eigenen Händen damalsAus Volksbrand und Tod
Tritt ein
durch die große
Leerstelle im Licht
Stellenkommentar:
Titel: Die Rheingaustraße ist eine Straße im Bezirk Friedenau.
v.1: An der Rheingaustraße liegt das italienische Restaurant ‚Pino‘, das von einer kosovarischen Familie betrieben wird. ‚Pino‘ ist eine italienische Kurzform der Vornamen Giuseppe (Josef) oder Filippo (Philipp). Der Name bedeutet abgeleitet vom Hebräischen ‚Gott fügt hinzu‘ (durch Giuseppe).
v.2 Kosovo: Das Kosovo ist eine Republik in Südosteuropa auf dem westlichen Teil der Balkanhalbinsel. Ehemals war es eine autonome Region innerhalb der Republik Jugoslawien, ab 2003 eine Teilregion der Republik Serbien. Am 17. Februar 2008 proklamierte das kosovarische Parlament die Unabhängigkeit des Territoriums.
v.2 hör ich und höre: hör ich bezieht sich auf die Nationalität des Wirts, er ist Kosovare und nicht Italiener. Und höre leitet über zur Erzählung (v.3f) des Wirts von seiner Flucht aus dem Kosovo-Krieg. Das lyrische Ich scheint im Lokal zuzuhören.
v.3f: Der Kosovokrieg war ein bewaffneter Konflikt in den Jugoslawienkriegen um die Kontrolle des Kosovo vom 28. Februar 1998 bis zum 10. Juni 1999. Konfliktparteien waren die Befreiungsarmee des Kosovo, die Armee Jugoslawiens und serbische Ordnungskräfte sowie ab 1999 die NATO-Streitkräfte unter Führung der USA. Auslöser für das Eingreifen der NATO war das Massaker von Račak am 15. Januar 1999, bei dem mindestens 40 Menschen von Mitgliedern serbischer Sicherheitskräfte erschossen wurden.
v.5ff: Die Fluchterzählung des Wirts ruft im lyrischen Ich Bilder des damit verbundenen Leids hervor und es stellt sich die Frage nach der Rechtfertigung des Leids in der Welt und der Existenz Gottes (das Problem der Theodizee). Mit Blick auf die von Sonnenstrahlen beschienen zweidimensionalen Bilder im Restaurant reflektiert das lyrische Ich über eine bessere, eine leidlosere Welt.
v.6: Das lyrische Ich denkt über zwei mögliche Welten nach: Über eine ganze Welt, die Materie, Sonne (Transzendenz) und Leid umfasst und über eine zweidimensionale Welt ohne Leid, Konturenzauber aus nichts als Licht. Man kann die zweidimensionale Welt aber auch als die tatsächliche Welt verstehen, als eine transzendenzlose Welt, bestehend nur aus Tatsachen.
v.7f leidloser / Konturenzauber aus nichts als Licht: Beschreibung einer besseren Welt ohne Leid, bestehend nur aus Konturen, also aus reiner Form, aus Idee, aus Transzendenz. Es besteht auch die Möglichkeit, dass diese Welt, die leidlose Welt, als eine zweidimensionale Welt des faulen Zaubers zu verstehen ist, in der das Licht nur noch Konturen und keine Inhalte mehr zeigt.
v.9f: Mit dem einleitenden Doch wird eine Differenzierung der leidlosen Welt eingeführt. Zwar gehört zur ganzen Welt das Leid, aber hier holt ein (liebender) Mann Die Frau aus Folter, Flucht und Massaker heraus. Andererseits kann man das Doch auch auf die leiderfüllte Welt beziehen, aus der der Mann seine Frau herausholt.
v.11f: Hier bezieht sich die Formulierung mit eigenen Händen nicht auf die konkrete Handlung, sondern verdeutlicht den persönlichen Einsatz des liebenden Mannes für seine Frau. Man könnte die eigenen Hände als die unsichtbare Hand der Liebe interpretieren, die die Frau Aus Volksbrand und Tod rettet. Die Rettung Aus dem Tod könnte als ein Hinweis auf den Orpheus-Mythos verstanden werden.
v.13 Tritt ein: Grammatisch kann man die Formulierung mit Vers 10 verbinden, sodass die Eintretende die Frau ist. Andererseits kann man die Formulierung als eine Aufforderung an das lyrische Ich und an den Lesenden verstehen, einzutreten.
v.13f durch die große / Leerstelle im Licht: Wenn man die große Leerstelle im Licht mit dem Konturenzauber (vgl. v.7f) verbindet, dann erlöst die eintretende Frau als Prinzip der Liebe aus dieser falschen Welt. Man kann die Leerstelle aber auch als die zweidimensionale transzendenzlose Welt (vgl. zu v.6) verstehen, in der das Licht die Tür zu einer besseren Welt (vgl. v.7f) zeigt.
Form:
Das Gedicht hat die Form eines englischen Sonetts mit drei Quartetten und den resümierenden zwei Schlussversen.
