Überblickskommentar:
Im Gedicht werden drei Bilder übereinander gelegt. Zunächst ein im Schaufenster ausgestelltes Präpariertes Tier mit dem Betrachter als Spiegelung. Dann – vermittelt über das Motto in Catulls Gedicht – ein toter Sperling mit der Geliebten. Und auf der übertragenen Ebene das Gedicht mit seiner Spiegelung der Transzendenz. Das Präparierte Tier symbolisiert den sterbenden Transzendenzbezug der Gegenwart, Die Geliebte mit ihrem Sperling steht für den damals noch lebendigen Bezug zur Transzendenz und das Gedicht unternimmt den Versuch einer Wiederbelebung.
passer deliciae meae puellae
PRÄPARIERTES TIER
Guck nicht so tot!
Sie soll lächeln!
Weißt du nicht mehr?
Die Kanaris?
Viel melodiöser als deine
Sprechzwitscher!
Mit brennender Brust
aber dazwischen5Die Fastenpredigt der Schwarzkappe!
Du trotzdem ihr Entzücken –
wärst jetzt
Nur Holzwolle? Tot? Nicht
toter
heute
Als damals der Balg ohne Herzblut
Faulschlaf von Fleisch ohne Flamme –
10Ihr Auge
jedoch!
Ihr Rufen! ZugewandtGlaubst du denn nicht
bis dein Lied dein Flug
Bis dass
sie Leuchtechos werfen und feurige
Nachschatten auf
alle die täglichen
Dompfäfflein über den Wiesen?
15
Die doch nur da sind
sofern ihr AnblickTeilhat an deiner Vollendung?
GewaltigWie eine Vorzeitwerkstatt ist
Deiner Geliebten Gedächtnis
Und reicht zurück bis zum Anfang –
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Der reinen
Sehnsuchtsgestalt eines GesangsAus Asche und Brand
Stellenkommentar:
Bild: Abgebildet ist das Schaufenster eines Tierpräparators in Berlin-Steglitz mit ausgestopften Tieren (u.a. Rehbock, Waschbär, Fasan und Katze). In der Schaufensterscheibe spiegelt sich die gegenüberliegende Straßenfront und – erkennbar am Fahrradhelm – der Autor beim Fotografieren des Fensters.
Motto: Aus Catulls Carmen 3 „fletus passeris Lesbiae“ stammt das Motto passer deliciae meae puellae: ‚Sperling, Liebling meines Mädchens‘. Darin beklagt das lyrische Ich den Tod des Sperlings seiner Geliebten, erinnert an sein Piepsen in ihrem Schoß und beschreibt seinen Weg zu den Schatten. Seinetwegen hat die Geliebte gerötete Augen.
Titel: Der Titel scheint sich zunächst auf das auf dem Foto zu sehende, präparierte Tier, den Rehbock, zu beziehen, berücksichtigt man aber das vorangestellte Motto, kann davon ausgegangen werden, dass auch der tote Sperling gemeint ist (vgl. zum Motto).
v.1 Guck nicht so tot!: Das Gedicht führt in eine absurde Situation ein: Das lyrische Ich stellt an das präparierte tote Tier (und den Sperling, vgl. zum Titel), eine paradoxe Forderung: es soll als Vergangenes, als Totes, sich wie lebend verhalten.
v.1 Sie soll lächeln!: Das Sie bezieht sich auf das Mädchen (die puella des Mottos), das sich am Dasein des Sperlings erfreuen soll. Auf der übertragenen Ebene: die Gegenwart?
v.2 Weißt du nicht mehr?: Die absurde Situation wird dadurch gesteigert, dass der angeredete Sperling mit Gedächtnis ausgestattet und aufgefordert wird, ein vergangenes Ereignis zu erinnern. Wie sich im Folgenden zeigt, spielt hier das Gedicht auf das Kinderlied ‚Die Vogelhochzeit‘ an (s. zu v.4 und v.5).
v.2f Die Kanaris? / Viel melodiöser: Es wird herausgehoben, dass die Kanarienvögel melodiös gesungen hätten, dies im Gegensatz zum Kinderlied ‚Die Vogelhochzeit‘, in dem alle Vögel immer nur ‚Tirallala‘ singen. Der Gesang der Kanaris wurde früher in Bergwerken genutzt, um vor tödlichen Giften frühzeitig zu warnen. Damit wird verschleiert das Motiv ‚Tod/Leben‘ wieder aufgenommen.
v.3 Sprechzwitscher!: Mit der Charakterisierung des Gesangs als Sprech(ge)zwitscher wird die Vermenschlichung des Sperlings fortgeführt.
v.4f: Mit brennender Brust und der Schwarzkappe wird eine weitere Figur aus der Vogelhochzeit eingeführt: der Dompfaff, der hier statt der ‚Trauerred‘ eine Fastenpredigt hält. Die Fastenpredigt, die zur Osterfastenzeit gehalten wird, könnte ein Vorgriff auf ein Auferstehungsmotiv sein, das sich erst am Ende des Gedichts vollenden wird. Zur Schwarzkappe könnte auch der ‚Doktorhut‘ der Wissenschaftler assoziiert werden und zur Fastenpredigt deren rationaler, transzendenzloser Diskurs.
v.6 Du trotzdem ihr Entzücken –: Angeredet ist wieder der Sperling. Obwohl er tot ist und nicht melodiös singt, ist er deliciae puellae (Motto): ihr Entzücken. Der Gedankenstrich signalisiert einen Wechsel: den Zweifel am Zustand des Tot-Seins.
v.6f wärst jetzt // Nur Holzwolle? Tot?: Holzwolle dient als Material zum Ausstopfen toter Tiere. Der Konjunktiv wärst weckt weiteren Zweifel am Tot-Sein.
v.7 toter: Die ungrammatische Steigerung von ‚tot‘ entspricht dem absurden Gebrauch von tot in Vers 1.
v.7f: Das heute wird mit dem damals verglichen: So leblos wie der Sperlings-Balg damals war, so leblos ist das heute, schlafend, faulend, Materie ohne Geist, ohne Liebe. Man könnte auch das heute als transzendenzferne Gegenwart gegen eine erfüllte Vergangenheit setzen.
v.10: Mit jedoch beginnt eine Gegenbewegung, die ankündigt, zu welchen Wandlungen die Liebe fähig ist: das Tote zu überwinden. Das Auge der Geliebten sieht in die Transzendenz, Ihr Rufen bewirkt, dass diese sich ihr wieder zuwendet.
v.11 Glaubst du denn nicht: Die Formel klingt wie eine rhetorische Frage, betont aber indirekt damit die Bedeutung des Glaubens.
v.11 bis dein Lied dein Flug: Gemeint ist auf der konkreten Ebene das Lied und der Flug des Vogels, auf der übertragenen Ebene steht das Lied für das Gedicht, das den Raum für den Flug in die Transzendenz öffnet.
v.12: Mit sie werden Lied und Flug aufgerufen. Das Gedicht ‚erleuchtet‘ die Gegenwart und bringt Erinnerungen (echos) an die der Transzendenz zugewandte Vergangenheit und die erfüllte Liebesbeziehung zurück.
v.12f feurige // Nachschatten: Das ‚Feuer‘ nimmt das ‚Leuchten‘ (v.11) auf, das Nach- scheint nur eine zeitliche Dimension der Vergangenheit zuzuordnen, bezieht sich aber über –echos auch auf den Raum. Die Leuchtechos werfen in der Gegenwart nur –schatten.
v.13f: Die Dompfäfflein nehmen die Schwarzkappe(n) (v.5) wieder auf. Durch den Diminutiv wird sowohl die heutige Kirche als auch die Wissenschaft herabgewürdigt. Beide werden auf das Alltägliche reduziert gegen ihren ehemaligen Anspruch, eine höhere Position (über den Wiesen) zu vertreten.
v.15f: Die Wiesen und Dompfäfflein existieren nur dann wirklich, wenn sie durch Anblick der Transzendenz als Teil der Vollendung gesehen werden. Hier wird bereits der Gedanke des wieder auferstehenden Phönix aus dem Sperlings-Gesang (v.20f) angedeutet.
v.16ff: In einem hymnischen Ton wird das Gedächtnis der Geliebten, der Transzendenz, gepriesen, das alle Zeit umfasst und sogar vor alle Zeit reicht, zurück bis zum Anfang. Durch seine Stellung am Ende des Verses und gleichzeitig als Beginn eines neuen Satzes erhält Gewaltig eine besondere Kraft. Die Vorzeitwerkstatt lässt an die Vorstellung von Gott als Handwerker denken.
v.20f: Sowohl die Schöpfung (Anfang) als auch das Gedicht werden als Sehnsuchtsgestalt eines Gesangs charakterisiert. Gleichzeitig ist an eine zyklische Schöpfung zu denken, deren Symbol üblicherweise der Phönix ist, der sich Aus Asche und Brand wieder erhebt. So versucht auch das Gedicht die Transzendenz zu erneuen.
Form:
Die ersten drei Versgruppen (VG) haben den gleiche ‚Reim‘: Der letzte betonte Vokal wird nach dem Schema a/b/c/c/b/a wiederholt (z.B. VG1: ä/a/i/i/a/ä). In der vierten Versgruppe hat jeder der drei Verse a als letzten betonten Vokal.
